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Die Westerländer Musikmuschel

Heute verbindet der Sylt Tourismus-Service Klassik und Moderne in einem harmonischen Kontext: Während die "Romada Singers" das Publikum zwischen Mai und Oktober bei rund 300 Konzerten mit Schlagern, Evergreens und bekannten Musical-Melodien unterhalten, sorgt das Klassikorchester "Camerata Budapest" in den Monaten Juli und August mit Werken bekannter Komponisten und einem bunten Strauß populärer Melodien aus Opern und Operetten für die klassische Note.

Die Geschichte der Musik am Meer reicht bis in das Jahr 1879 zurück. Damals wurde ein kleiner Pavillon erbaut. Besonderheit: Die Bühne konnte je nach Wetter wechselweise zur hölzernen Promenaden-Plattform oder aber zum Strand hin geöffnet werden. Waren es in den Anfangsjahren die "Prager Musikanten", die im Sommer eine Zeitlang aufspielten, so wurde 1886 eine feste Kurkapelle engagiert. Eine Annonce in der "Sylter Kurzeitung" signalisierte den Sommerfrischlern: "Die erste Kurkapelle trifft am 16. Juni in Westerland ein und wird bereits am Abend des selben Tages im Kurhaus concertieren." Der Salär war jedoch bescheiden, so dass die Musiker nach weiteren Auftritten Ausschau hielten. So warb das Westerländer Hotel "Zum Deutschen Kaiser" ebenfalls 1886 damit, dass dreimal pro Woche "ein Sextett der Kurkapelle ab 8 Uhr abends musiziert".

"An die Heimat" und "Wiener Blut" – so lauteten zwei Titel aus dem Programm der ersten Kurkonzerte. Am 28. Juli 1888 wurde dem Orchester eine besondere Ehre zuteil: Vor der Westerländer "Villa Roth" spielten die Musiker zum Empfang der rumänischen Königin Elisabeth Werke von Beethoven. Auch das neue Westerländer Kurhaus – das heutige Rathaus – wurde 1898 unter den Klängen der Kurkapelle eingeweiht.

Bis 1913Bis 1913

Zur selben Zeit wandelte sich die Optik des Musikpavillons am Strand, der in die Breite wuchs und mit filigranen Türmchen umrankt wurde. 1905 – das Bad Westerland wurde 50 Jahre alt, und Westerland bekam das Stadtrecht verliehen – komponierte der Leiter der Kurkapelle einen Jubiläumsmarsch. Und 1909 schrieb der bekannte Berliner Komponist Translateur die "Westerland-Hymne", die unter großem Beifall des Publikums immer wieder von der 30-köpfigen Kurkapelle intoniert wurde.

Der Musikpavillon veränderte sich 1908 grundlegend: Jetzt nahm er die Form einer gewölbten Musikmuschel an. Doch schon 1910 wurde der Bau erneut verändert: Im Grundriss sanft gebogen und mit Deckenmalereien verziert, war dies die wohl schönste aller Musikmuscheln. Doch die neue Konstruktion blieb nicht von langer Dauer: Am 5. November 1911 brandete eine schwere Sturmflut an Westerlands Küste. Sie zerschlug die hölzerne Wandelbahn, riss Restaurationshallen und 16 Meter Dünen ins Meer. "Um kurz nach zwölf Uhr mittags", notierte ein Zaungast, "wurde die kleine Musikmuschel von einer mächtigen Welle weggetragen."

Der Nachfolge-Bau nimmt im Jahre 1912 wieder die Gestalt eines Pavillons an und wird mit einem Schindeldach rot eingedeckt. Anekdote am Rande: Als im selben Jahr das Luftschiff "Victoria Luise" über die Insel schwebt, wechselt die Kurkapelle geistesgegenwärtig die Notenblätter und spielt: "Kommt ein Vogel geflogen".

Der "Bäderführer Westerland" notierte anno 1913: "Die Kurmusik unter dem Dirigenten Herrn Königlichen Kapellmeister a.D. Hirse aus Berlin spielt täglich vormittags von 11 bis 12 Uhr und 4½ bis 6 Uhr." Und merkte an: "Von der Plattform mit dem Musikpavillon, wo die Konzerte der Kurkapelle stattfinden, bietet sich den Zuhörern auch eine wundervolle Aussicht auf den belebten Strand und die stets bewegte See."

1920er1920er

1924 nimmt die Musikmuschel eine wirklich muschelartige Form an, die der heutigen bereits sehr ähnelte. Das Programm der Kurkapelle ist bunt gemischt, reicht vom munteren Schlager-Potpourri bis hin zum zackigen Marsch "Fürs Vaterland". Als am 1. Juni 1927 der Hindenburg-damm eingeweiht wird, dürfen auch die Kurmusiker nicht fehlen: Sie begrüßen den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg in Westerland mit dem "Hohenfriedberger Marsch". Die Kurkapelle selbst wird seit 1923 vom Sinfonie-Orchester Flensburg gestellt – und das soll fast ein halbes Jahrhundert lang so bleiben.

Die 1930er JahreDie 1930er Jahre

Ab 1934 sind Sinfoniekonzerte ein fester Bestandteil des Programms. Die turnusmäßigen Auftritte der Kurkapelle finden in diesen Jahren täglich von 11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 18 Uhr und 20 bis 22 Uhr statt. Und die Kurverwaltung Westerland bittet 1937, die Konzerte "nicht im Strand- oder Badeanzug zu besuchen". 1939, die Zeichen stehen in Deutschland auf Sturm. Die "Westerländer Kurzeitung" lässt markige Worte über den Dirigenten verlauten: "Man spürt gleich bei den ersten Takten: Hier steht ein Mann am Pult, dessen oberstes Prinzip die Verbindung von Disziplin und musikalischem Geschmack ist." Dann ist Krieg, und die Musik verstummt.

1949 wird die Musikmuschel in ihrer heutigen Form neu erbaut; lediglich im Jahre 1991 wird sie noch einmal eine Veränderung durch ein Kupferdach erfahren. Mit 45 Musikern ist die Kurkapelle 1951 so stark wie nie. Doch der Dirigent klagt über den Wind: "Er zerfetzt uns alle Klänge. Wir hören manchmal selber nicht, ob und was wir spielen." Dennoch gehen allein in der Saison 1952 rund 160 Konzerte mit über 1500 Titeln über die Bühne. Mehr und mehr öffnet man sich dem Publikum: Wunschkonzerte sind der Renner, 1954 nehmen 3500 Gäste an den "Musikalischen Preisrätseln" teil, es gibt Konzerte für Kinder, und schließlich darf der Nachwuchs die Kapelle auch mal "dirigieren":

"Man hat in letzter Zeit vielfach gefordert, den alten Zopf abzuschneiden und die Kurmusik abzuschaffen. In einer Fragebogenaktion der Westerländer Kurverwaltung sprachen sich jedoch nur 4,3 Prozent der Gäste für eine Abschaffung aus", notiert die "Kurzeitung Sylt" 1974. Im selben Jahr führt die Zeitung ein Gespräch mit Werner Schulte, der das Kurorchester bereits seit geraumer Zeit leitete. Er sagt über seine Intention: "Mir geht es darum, die Menschen in Ferienstimmung zu bringen. Sie sollen beim Nachhausgehen sagen: "Das war ein schöner Abend." Dem ist auch aus heutiger Sicht eigentlich nichts hinzuzufügen.

Etwas hat sich aber doch verändert: Die Kurmusik heißt jetzt "Musik am Meer" und auch die Kurverwaltung hat ausgedient, der Insel Sylt Tourismus-Service übernimmt heute die vielfältigen Aufgaben einer modernen Verwaltung.

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